Further Drachenstich
Veranstaltungen·Furth im Wald

Further Drachenstich

In Furth im Wald wird der Drache nicht erklärt. Er kommt die Gasse herunter, elf Tonnen schwer, Schuppen, Hörner, offener Rachen, und unter dem Bauch sieht man das Fahrgestell. Daneben steht ein Rotkreuzwagen. Jemand fotografiert mit dem Handy. Der Lindwurm heißt Tradinno, die Further sagen Fanny, und er ist der größte vierbeinige Schreitroboter der Welt.

Ich war im August 2018 dort, mit der Olympus und zwischendurch dem Telefon, wenn der Drache zu groß für den Sucher wurde.

Der Umzug kommt zuerst

Bevor jemand sticht, zieht die Stadt durch sich selbst. Ritter mit Kettenhaube winken von den Pferden, Schabracken mit Kreuzen, Fußvolk an der Mauer. Der Festzug ist kein Vorspiel, er ist die halbe Veranstaltung: über tausend Mitwirkende, Hunderte Pferde, die Stadtgeschichte von der ersten Nennung 1086 bis ins 18. Jahrhundert.

Mittendrin die Ritterin auf einem Schimmel, burgunderrot, gelbe Rosen am Zügel. Im Stück heißt sie Maria, Nichte des herzoglichen Pflegers, Verlobte des Fahnenträgers Udo. Die Fassung, nach der seit Jahrzehnten gespielt wird, hat Josef Martin Bauer 1951 geschrieben und auf 1431 gelegt, in die Hussitenkriege. Der Drache steht darin nicht mehr nur für den Heiligen Georg, sondern für den Krieg an der Grenze.

Die Jäger gehören dazu, als wäre Furth eine mittelalterliche Stadt und keine Festspielkulisse: Planwagen mit Keilerkopf und Eberesche, zwei Männer mit einer Wildsau an der Stange, Fuchsfell am Gürtel. Theaterblut und Trophäen, Harnisch und Pferd.

Dann kommt Fanny

Tradinno schiebt sich durch die Menge am Stadtplatz, weiß-blaue Fahnen, Kostüme, Smartphones. Zollner Elektronik in Zandt hat ihn gebaut, Tradition plus Innovation, 2,3 Millionen Euro, erste Vorstellung Ende Juli 2010. Er kann Feuer spucken, den Kopf drehen, die Flügel spreizen – und läuft so langsam, dass die Zuschauer mitgehen können.

Auf dem Spielplatz liegt Stroh. Udo hält nach dem Stich Blumen und einen Kranzstab, Trompeter und Speerträger stehen herum, rechts der Kulissenturm. Später der Schlussapplaus: Drachentöter, Ritterin in Weiß-Gold, Amtsträger in Rot, hinter ihnen die Burg aus Sperrholz.

Der Brauch ist älter als das Stück. 1590 geht ein gerüsteter Bürger im Fronleichnamsumgang mit. 1879, nach dem Streit mit dem Bischof, wird aus der Prozession ein Festspiel. 2018, im Jahr dieser Fotos, setzte die UNESCO-Kommission den Drachenstich auf die Bundesliste des Immateriellen Kulturerbes.

Fanny liegt den Sommer über in der Drachenhöhle auf dem Festplatz. Im August kommt sie wieder die Gasse herunter.