Germanisches Nationalmuseum
Der Weg ins Germanische Nationalmuseum beginnt nicht an der Kasse. Er beginnt draußen, in der Kartäusergasse. Zwischen den weißen Betonsäulen von Dani Karavans Straße der Menschenrechte wird aus dem Gang zum Museum ein Satz, den man laut lesen kann: Jeder Mensch hat Anspruch auf … und dann folgt der nächste Artikel, auf Deutsch und in einer zweiten Sprache. Nürnberg, die Stadt der Reichsparteitage, hat sich hier eine andere Tür gebaut.
Innen liegt das ehemalige Kartäuserkloster. Kreuzrippengewölbe, Epitaphien an der Wand, am Ende des Ganges eine moderne Stahlskulptur. Das Museum ist so gebaut: ein Kloster, das Jahrhunderte aufnimmt, ohne sie glattzuziehen.
Erst der Einband, dann das Buch
Irgendwo zwischen Goldkegel und Apothekenwaage bleibt man vor einem Deckel stehen, der älter ist als das Buch, das er später schützen sollte.
Der Prunkeinband des Codex aureus Epternacensis entstand vermutlich zwischen 983 und 991 in Trier, in den Werkstätten um Erzbischof Egbert. Gestiftet haben ihn Kaiserin Theophanu und ihr noch minderjähriger Sohn Otto III. der Abtei Echternach. Otto trägt auf dem Deckel bereits den Königstitel, den er 983 mit drei Jahren erhielt; Theophanu starb 991. Dazwischen muss der Einband entstanden sein.
Im Zentrum sitzt eine Elfenbeintafel mit der Kreuzigung. Christus steht aufrecht auf dem Suppedaneum, die Augen geöffnet. Longinus hebt die Lanze, Stephaton reicht den Essigschwamm, unten stützt die Personifikation der Erde das Kreuz, oben erscheinen Sol und Luna. Darum Gold, Edelsteine, Perlen und Zellenschmelz-Email. In den getriebenen Goldfeldern stehen Maria, Willibrord, Petrus, Benedikt, Bonifatius und Liudger – und zwischen den Heiligen, gleichrangig, Theophanu und Otto.
Das Evangeliar selbst, durchgehend in Goldtinte geschrieben, entstand erst um 1030 bis 1050 in Echternach. Nach der Weihe der Klostergebäude am 19. Oktober 1031 wurden Einband und Handschrift verbunden. Heute liegen sie getrennt: der Deckel als KG 1138 in der Mittelalter-Ausstellung, der Buchblock in der Bibliothek. Erst der Einband, dann das Buch – und am Ende zwei Objekte, die man einzeln besser bewahren kann.
Gold, Rüstung, Globus
Nebenan glänzt ein anderer Goldschatz, rund zweitausend Jahre älter: der Goldhut von Ezelsdorf/Buch, dünnes Bronzezeitblech, 1953 beim Roden von Baumstümpfen fast als störendes Blech weggeworfen. In der Kartäuserkirche stehen spätgotische Altäre, wo Mönche gebetet haben. Ein Palmesel aus der Werkstatt des Veit Stoß erinnert daran, dass Christus am Palmsonntag durch die Straßen gezogen wurde, auf Rädern. Oben hängt Philipp Veits Germania aus der Frankfurter Paulskirche von 1848, mit Eichenkranz, schwarz-rot-goldener Fahne und gesprengten Ketten zu Füßen.
Weiter hinten stehen Harnische in Reih und Glied, ein Turnierritter auf dem Pferd, dann plötzlich Dieter Asmus’ goldene Brigitte Kronauer vor Hippie-Meterware, eine barocke Apothekenoffizin, Elfenbeinaugen des Nürnberger Drechslers Stephan Zick und das Räderwerk einer astronomischen Weltmaschine.
Am Schluss, oder je nach Weg auch mittendrin, der Behaim-Globus von 1492: der älteste erhaltene Erdglobus, eine Welt ohne Amerika. Dürer hat daneben seinen Lehrer Michael Wolgemut porträtiert, 1516, und nach dessen Tod die Inschrift ergänzt. Das Museum hält solche Begegnungen aus, ohne sie zu erklären. Man geht vorbei, bleibt stehen, geht weiter. Die Säulen draußen warten.

Der Weg zum Museum: Dani Karavans begehbare Skulptur in der Kartäusergasse, 1993 eröffnet. Auf 27 weißen Rundpfeilern stehen die Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte, jeweils auf Deutsch und in einer weiteren Sprache.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Gotischer Kreuzgang des ehemaligen Kartäuserklosters, das seit 1857 das Germanische Nationalmuseum beherbergt. An den Wänden Epitaphien, am Ende des Ganges die Stahlskulptur „Versuch einer topologischen Bestimmung I“ von Hiromi Akiyama (1973/74).
30. Oktober 2012·Nürnberg
Bronzene Brunnenfigur, Nürnberg um 1380/90. Der blütenbekränzte Spielmann sitzt im Kostüm eines höfischen Gecken auf dem Brunnenstock und bläst eine Schalmei – einst trat daraus der Wasserstrahl. Das älteste erhaltene großformatige Messinggusswerk Nürnbergs stand im Hof des Heilig-Geist-Spitals; das Original ist seit 1913 im Museum.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Goldblechkegel der späten Bronzezeit, um 1100–800 v. Chr., Höhe 88,5 cm. 1953 beim Roden von Baumstümpfen an der Gemarkungsgrenze Ezelsdorf/Buch gefunden und zunächst als störendes Blech zerhackt. Vermutlich die goldene Außenhaut einer kultischen Kopfbedeckung; die Punzmuster werden als lunisolarer Kalender gelesen.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Historische Schnellwaage aus der medizinischen Sammlung. Mit verschiebbarem Gewicht am langen Arm ließen sich kleine Mengen abwiegen – das Werkzeug von Apothekern, Goldschmieden und Kaufleuten.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Vorderdeckel des Goldenen Evangelienbuchs von Echternach, Trier um 983–991. Stiftung von Kaiserin Theophanu und Otto III.: Gold, Elfenbein, Edelsteine, Perlen und Zellenschmelz. Die Elfenbeintafel zeigt die Kreuzigung; Einband und Handschrift entstanden Jahrzehnte auseinander.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Gewölbesaal der Mittelalterabteilung. In der Vitrine ein hausförmiger Reliquienschrein, links ein Schild mit dem Kreuz des Deutschen Ordens, an der Wand hinterleuchtete Glasmalereien.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Philipp Veit und Atelier, 1848, Öl auf Baumwolle, über vier Meter hoch. Das Bild hing in der Frankfurter Paulskirche über dem Präsidium der Nationalversammlung: Eichenkranz, Doppeladler, schwarz-rot-goldene Fahne, Schwert mit Ölzweig, zu Füßen gesprengte Ketten. Nach dem Scheitern der Revolution kam es ins Germanische Nationalmuseum.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Gotischer Chor der Klosterkirche St. Marien, Grundstein 1383, heute Ausstellungsraum für spätmittelalterliche Kunst. Von der originalen Ausstattung ist fast nichts geblieben; im Chor steht ein Flügelaltar unter dem Kreuzrippengewölbe.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Lindenholz mit originaler Farbfassung, Nürnberg um 1505, Werkstatt eines Schülers von Veit Stoß. Palmesel wurden am Palmsonntag auf Rädern durch die Straßen gezogen, als Nachvollzug des Einzugs in Jerusalem. Auf der Bodenplatte rote Mäntel und Weidenzweige.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Harnischreiter mit Rennzeug, Lanze und Tartsche. Das Pferd trägt ein stählernes Rossstirn und eine Schabracke. Solche Aufstellungen zeigen den Turnierbetrieb des späten 15. und frühen 16. Jahrhunderts.
30. Oktober 2012·Nürnberg
Abteilung zum 20. Jahrhundert: biomorphe Skulptur, Freischwinger, Pop-Art an der Wand. Durch die Tür eine Installation mit goldener Medaille und schwarz-rot-goldenem Tuch – das Museum reicht bis in die eigene Zeit.
30. Oktober 2012
Dieter Asmus, 1975/76, Öl auf bedrucktem Baumwollstoff. Dargestellt ist die Schriftstellerin Brigitte Kronauer, mit der Asmus zusammenlebte: goldener Körper, violette Wäsche, Plateauheels, hinter ihr ein roter Stuhl. Der Paisleygrund bleibt als Meterware unbemalt – Hippie-Stoff als Warenwelt. Asmus gehörte zur Hamburger Gruppe Zebra; Leihgabe der Bundesrepublik, Gm2200.
30. Oktober 2012
Historische Offizin mit Standgefäßen, beschrifteten Schubladen und Waage auf dem Rezepturtisch. Die vergoldete Bekrönung mit Putten gehört zum Typus barocker Apothekenregale, wie sie das Museum unter anderem aus der Hirsch-Apotheke in Öhringen bewahrt.
30. Oktober 2012
Dreifigurengruppe aus Haut, Muskulatur und Skelett: Lehrstück und Vanitas zugleich. Solche Kabinettstücke standen zwischen medizinischer Anschauung und Memento mori, oft aus Elfenbein oder bemaltem Holz der Nürnberger Kunstdrechsler.
30. Oktober 2012
Zerlegbares anatomisches Augenmodell aus Elfenbein auf gedrehtem Ständer, um 1700. Der Nürnberger Kunstdrechsler Stephan Zick galt als Erfinder dieser „künstlichen Augen“, die Ärzte zum Lehrgebrauch und Sammler für die Kunstkammer kauften.
30. Oktober 2012
Räderwerk einer Planetenmaschine unter Glas. Das Germanische Nationalmuseum bewahrt die astronomische Weltmaschine von Philipp Matthäus Hahn und Mitarbeitern (um 1770–1790): Uhr, Kalender und Modelle des geo- und heliozentrischen Weltsystems in einem Gerät.
30. Oktober 2012
Foyer des Museums unter dem Glasdach. Über dem Empfang wirbt ein Bildschirm für das Stromersche Puppenhaus von 1639; an der Wand der Hinweis auf Renaissance, Barock und Aufklärung. Rechts oben eine Galerie mit Kleinodien.
4. November 2012·Nürnberg
Messingenes Kreisgerät mit Monatsnamen, Heiligenfesten und Zahlenringen. Ein liturgisch-astronomischer Kalender der Frühen Neuzeit, mit dem sich bewegliche Feiertage und Jahreszyklen bestimmen ließen.
4. November 2012·Nürnberg
Dieselbe Figur mit Museumsschild: Schüler von Veit Stoß, Nürnberg um 1500, Lindenholz mit originaler Farbfassung. Leihgabe der Stipendienstiftung der Stadt Nürnberg seit 1879.
4. November 2012·Nürnberg
Sechs spätgotische Holzfiguren auf modernem Sockel, wahrscheinlich Reste einer Apostelgruppe oder eines Marientod-Altars. Tiefe Gewandfalten, individuelle Köpfe; die Figur mit Blütenkranz fällt aus der Reihe.
4. November 2012·Nürnberg
Besucher vor dem Goldhut von Ezelsdorf/Buch. Die Vitrine trägt den Titel „Gold und Kult“ – genau das, was man dem dünnen Bronzezeitgold zuschreibt: keine Münze, kein Schmuckstück, sondern ein Kultgerät.
4. November 2012·Nürnberg
Albrecht Dürer, 1516, Öl auf Lindenholz. Porträt seines Lehrers; 1519 trug Dürer den Todestag nach. Meisterwerk genauer Naturbeobachtung, Dauerleihgabe der Bayerischen Staatsgemäldesammlungen. Rechts daneben der Hinweis auf Veit Stoß’ Drachenleuchter.
4. November 2012·Nürnberg
Martin Behaims Erdapfel, Nürnberg 1492/93, der älteste erhaltene Erdglobus. Er zeigt die bekannte Welt vor der Rückkehr des Kolumbus: drei Kontinente, kein Amerika. Seit 2023 UNESCO-Weltdokumentenerbe.
4. November 2012·Nürnberg
Nahaufnahme des Globus in seinem Messinggestell. Pergamentstreifen, bemalt von Georg Glockendon, über einer Leinenkugel. Rund 2000 Ortsnamen und 110 Miniaturen machen aus der Kugel ein enzyklopädisches Weltbild am Vorabend der großen Entdeckungen.
4. November 2012·Nürnberg