Um acht Uhr morgens bin ich unterwegs. Der Himmel ist wolkenverhangen, und es sieht so aus, als könnte es jederzeit anfangen zu regnen. Für einen Fotografen ist das allerdings noch fast ideales Wetter: weiches Licht, keine harten Schatten und eine Altstadt, die am frühen Sonntagmorgen noch angenehm leer ist. Mein erster Weg führt mich zum Stadtlagerhaus im Westhafen. Das ehemalige Lagerhaus ist eines der Denkmäler, die man normalerweise eher aus dem Augenwinkel wahrnimmt. Ein gewaltiger Zweckbau aus einer Zeit, in der die Versorgung einer wachsenden Stadt noch ganz anders organisiert werden musste. Heute ist es Teil des Denkmaltags unter dem Motto „NetzWERKE – Denkmale und Infrastruktur“. Noch bevor die eigentliche Besichtigung beginnt, mache ich ein paar Fotos von außen. Dann geht es weiter: Auto in der Wöhrdstraße abstellen und zu Fuß in Richtung Altstadt.
Ein gewaltiger Zweckbau, den man sonst eher aus dem Augenwinkel wahrnimmt. 2026 Teil des Denkmaltags unter dem Motto NetzWERKE.
Noch leer am frühen Sonntagmorgen – bis auf die Katze.
Ein Fürst mit ziemlich schlechtem Ruf
Unter den Schwibbögen vorbei an der Porta praetoria, weiter zum Haus Heuport. Hier interessiert mich diesmal weniger das Gebäude als ein kleines Detail an seiner Fassade: der „Fürst der Welt“.
Vorbei an der Porta praetoria, weiter zum Haus Heuport.
Die Figurengruppe gehört zur ehemaligen Hauskapelle des Heuporthauses und entstand um 1330/40. Dargestellt ist ein junger Mann, der einer törichten Jungfrau einen Apfel anbietet. Auf den ersten Blick könnte man darin beinahe eine höfische Szene sehen – ein junger Mann, eine junge Frau, ein Geschenk. Tatsächlich steckt dahinter aber eine ziemlich finstere Geschichte. Der Apfel steht für die Verführung. Die junge Frau ist eine der törichten Jungfrauen aus dem biblischen Gleichnis, deren Öllampe erlischt, weil sie nicht vorbereitet sind. Der junge Mann ist der „Fürst der Welt“, also der Verführer zur Sünde.
Richtig interessant wird es allerdings, wenn man um die Ecke schaut. Auf der Rückseite der Figur lauern Ratte und Kröte, während sich eine Schlange in den Körper hineinwindet. Die Tiere sind dämonische Symbole und machen unmissverständlich klar, mit wem man es hier zu tun hat: Der freundlich wirkende Jüngling ist in Wahrheit der Teufel. Die Position der Figuren an einer Gebäudeecke ist dabei durchaus raffiniert. Die törichte Jungfrau kann die wahre, hässliche Seite des Verführers buchstäblich nicht sehen. Genau deshalb fotografiere ich die Figur diesmal nicht nur von vorne, sondern vor allem von hinten. Manchmal muss man bei einem Denkmal eben um die Ecke gehen, um die eigentliche Geschichte zu entdecken.
Vorne ein junger Mann mit Apfel, hinten Ratte, Kröte und Schlange. Am Heuporthaus, um 1330/40.
Warten auf die Vergangenheit
Über die Goliathstraße geht es weiter zum Kohlenmarkt und zum Alten Rathaus. Dort steht bereits eine Schlange. Für den Denkmaltag werden die Teilnahmekarten ausgegeben, und ich möchte mir zwei sichern: eine für die Krypten in St. Emmeram und eine für das Stadtlagerhaus. Für das Stadtlagerhaus gibt es hier allerdings nichts zu holen – die Anmeldung läuft direkt über die Kreativbehörde. Immerhin bekomme ich die Karten für die Krypten. Zufällig kommt Rainer mit dem Fahrrad vorbei, und nach längerer Zeit gibt es erst einmal ein persönliches Update. Sepp ist ebenfalls unterwegs und noch auf der Suche nach einem Parkplatz, also nehme ich für ihn gleich eine Karte mit. Der Denkmaltag hat damit bereits eine weitere Funktion erfüllt, die in keinem Programmheft steht: Man trifft Leute, die man sonst lange nicht gesehen hätte.
Teilnahmekarten für den Denkmaltag. Für die Krypten in St. Emmeram reicht es, fürs Stadtlagerhaus nicht.
Wenn ein Graffito 1200 Jahre überlebt
Eigentlich möchte ich anschließend noch die Salvatorkapelle besuchen. Vor Ort stellt sich allerdings heraus: Die Veranstaltung fällt aus.
Eigentlich noch ein Programmpunkt. Vor Ort: die Veranstaltung fällt aus.
Also geht es ohne weitere Führung Richtung Emmeramsplatz. Dort treffe ich Sepp, und gemeinsam geht es um zwölf Uhr in die Führung durch St. Emmeram und die Krypten.
Bischof von Regensburg. Bronzedenkmal von Max von Widnmann auf dem Emmeramsplatz.
Die Basilika selbst ist schon sehenswert genug. Und sie hat einen erstaunlichen Gruselfaktor: Hinter Glas stehen die sogenannten Skelettpuppen – Reliquienfiguren, die mit ihren Knochen und kostbaren Gewändern irgendwo zwischen barocker Frömmigkeit und gotischem Horror liegen. Mich interessieren diesmal aber vor allem die Krypten. Und dort entdecke ich etwas, das deutlich kleiner ist als die monumentale Architektur – aber historisch vielleicht viel spannender. An einer Wand befindet sich ein Graffito mit dem Namen „Sundarheri“. Wer jetzt an moderne Schmierereien denkt, liegt zeitlich ungefähr 1200 Jahre daneben.
Ein Name, in die Wand geritzt. Nach der Datierung um das Jahr 800 das älteste bekannte Graffito mit einem Personennamen im deutschen Sprachraum.
Der Wiener Mediävist Winfried Stelzer hat die Inschrift wissenschaftlich untersucht. Seine paläographische Analyse datiert sie auf etwa 800, also in die frühkarolingische Zeit. Mit hoher Wahrscheinlichkeit handelt es sich um den Namen des Freisinger Diakons Sundarheri. Nach dem derzeitigen Forschungsstand ist es das älteste bekannte Graffito mit einem Personennamen im deutschen Sprachraum. Das ist eine dieser Entdeckungen, die man leicht übersieht. Keine monumentale Inschrift. Kein berühmter Herrschername. Kein sorgfältig angelegtes Kunstwerk. Nur ein Name, in eine Wand geritzt. Und trotzdem hat dieser eine Name mehr als ein Jahrtausend überlebt.
Vielleicht war es für Sundarheri gar nichts Besonderes. Vielleicht wollte er einfach festhalten, dass er hier gewesen war. Vielleicht hatte die Inschrift einen ganz anderen Anlass. Wir wissen es nicht mit letzter Sicherheit. Aber genau das macht die Sache so faszinierend. Heute schreiben Menschen ihren Namen auf Brücken, Bänke und Toilettenwände. Vor rund 1200 Jahren tat offenbar jemand etwas ganz Ähnliches – nur dass sein „Ich war hier“ zufällig die Jahrhunderte überstanden hat. Besonders interessant sind daneben die alten Malereien in den Gängen der Krypta. Sie zeigen, dass eine solche Krypta keineswegs nur ein dunkler unterirdischer Raum war, sondern über Jahrhunderte ein gestalteter und genutzter sakraler Ort.
Keine bloße Dunkelheit: über Jahrhunderte ein gestalteter sakraler Ort.
Dazu gehören die Flechtwerkornamente, die um 780 entstanden sind – verschlungen, farbig, und leicht zu übersehen, wenn der Blick nur am eingeritzten Namen hängen bleibt.
Um 780 entstanden, in den Gängen der Ringkrypta von St. Emmeram.
Und dann steht man plötzlich vor einem kleinen eingeritzten Namen und merkt: Geschichte besteht nicht nur aus den großen Dingen, die Menschen für die Ewigkeit geschaffen haben. Manchmal überlebt auch etwas, das überhaupt nicht für die Ewigkeit gedacht war.
Farbe aus der Dunkelheit
Beim anschließenden Rundgang durch St. Emmeram stoße ich noch auf einen ganz anderen Künstler. In der Basilika wird gerade die Ausstellung „Die Farbe des Lichts“ mit Arbeiten von Axel Neumann vorbereitet. Die Ausstellung zeigt großformatige Auszüge aus seinen monumentalen Arbeiten, darunter die „Rote Symphonie“ und die „Symphonie No. 5“. Die Geschichte dahinter ist ungewöhnlich genug für einen eigenen Artikel.
Ausstellung mit Arbeiten von Axel Neumann in St. Emmeram. Der Künstler starb im Juli 2026, wenige Wochen vorher.
Neumann, ursprünglich Schauspieler, setzte sich 1992 einem radikalen Selbstexperiment aus: Drei Wochen verbrachte er in völliger Dunkelheit und Stille. Was er dabei erlebte, wurde zum Ausgangspunkt seiner späteren künstlerischen Arbeit. In der Dunkelheit erschienen ihm Bilder, die er anschließend über Jahrzehnte mit Patronenfüller und Acrylfarbe auf Papier übertrug. Seine Bilder sind deshalb keine gewöhnlichen Gemälde. Sie entstehen aus einer Art innerer Bilderwelt und sind bis ins kleinste Detail ausgearbeitet.
Und dann bekommt die Ausstellung plötzlich eine traurige Wendung. Axel Neumann starb im Juli 2026 nach kurzer schwerer Krankheit – wenige Wochen vor der Ausstellung in Regensburg. Seine Frau Patrizia Neumann schrieb in einem persönlichen Nachruf, dass die Ausstellung trotzdem stattfinden solle. Für Neumann selbst sei die Sache wichtiger gewesen als die eigene Person. Damit bekommt der Titel „Die Farbe des Lichts“ noch eine zusätzliche Bedeutung. Der Künstler, der seine Bilder aus der Dunkelheit holte, erlebt ihre Präsentation in St. Emmeram nicht mehr selbst. Die Ausstellung war ursprünglich sogar mit einem Künstlerabend geplant. Nun findet am 5. November stattdessen ein Erinnerungsabend für Axel Neumann statt.
Ich stehe also in einer alten Kirche, zwischen mittelalterlicher Architektur, Krypten und den Bildern eines Künstlers, der gerade erst gestorben ist. Und plötzlich passt das alles erstaunlich gut zusammen. Hier die Spuren eines Menschen, der vor rund 1200 Jahren seinen Namen in eine Wand ritzte. Dort die Werke eines Menschen, der seine inneren Bilder auf Papier festhielt. Beide haben etwas hinterlassen, das über ihre eigene Lebenszeit hinausweist.
Und dann war Schluss
So ein Spaziergang durch die Regensburger Altstadt ist erstaunlich anstrengend. Auf dem Rückweg komme ich noch am Kulturpflaster mit seinen Altstadtakrobaten vorbei. Langsam wird der Regen ernst. Als ich schließlich ziemlich durchnässt wieder beim Auto ankomme, steht eigentlich noch ein letzter Programmpunkt auf meinem Plan: die Brunnstube mit ihrer alten Quelle. Eigentlich. Denn auf dem Weg dorthin beschließe ich, kurz an meiner Wohnung vorbeizufahren. Und dann passiert das vielleicht typischste Ereignis des gesamten Denkmaltags: Direkt vor meiner Haustür ist ein Parkplatz frei. Damit ist die Entscheidung gefallen. Die Brunnstube muss warten.
Die Altstadtakrobaten machen weiter. Der Denkmaltag wird nass.
Ich beende den Denkmaltag, fahre nach Hause, sichte die Fotos – und lege mich erst einmal schlafen. Vielleicht ist das auch eine Form von Denkmalschutz: Man bewahrt nicht nur alte Gebäude, sondern auch seine eigenen Kräfte. Und immerhin habe ich an diesem Tag einiges mitgenommen: einen satanischen Verführer, einen 1200 Jahre alten Namen und Bilder, die aus drei Wochen völliger Dunkelheit entstanden sind. Und ich habe 2 mir liebe Menschen nach langer Zeit mal wieder gesehen. Für einen Sonntagmorgen um acht Uhr ist das gar keine schlechte Ausbeute.
