Kultur

Auf den Spuren von Johannes Kepler im document Kepler

Im Sterbehaus: Rucksack abgeben, fünf Euro, dann Karten, Globen und ungefähr 200 Fotos.

Auf den Spuren von Johannes Kepler im document Kepler
Regensburg

Johannes Kepler ist in Regensburg nicht nur eine historische Figur. Er hat hier sein letztes Kapitel aufgeschlagen – und zwar ausgerechnet in einem Haus, das heute als Museum an ihn erinnert.

Heute sehe ich mir das document Kepler in der Keplerstraße an. Das ehemalige Sterbehaus des Astronomen wurde umfassend saniert und zeigt heute nicht nur Keplers Leben und wissenschaftliche Arbeit, sondern auch die historischen Räume des Hauses.

Eine kleine Hürde gibt es gleich am Anfang: Rucksäcke dürfen nicht mit in die Ausstellung. Die freundliche Dame von der Aufsicht hilft mir allerdings mit einer Münze für das Schließfach aus. Nach den 5 Euro für das Ticket kann es losgehen.

Und natürlich zücke ich mein Handy und fotografiere fast alles, was sich fotografieren lässt. Genau genommen ist das auch der Grund für diesen Artikel: Beim Durchgehen merke ich schnell, dass mich vor allem die alten Karten, Globen und astronomischen Instrumente faszinieren.

Eingang zum document Kepler

Der Eingang zum document Kepler

Ein unscheinbarer Eingang mit großer Geschichte

Von außen wirkt das Haus in der Keplerstraße zunächst gar nicht wie der Ort, an dem einer der bedeutendsten Astronomen seiner Zeit seine letzten Tage verbrachte. Heute führt hier der Eingang in das document Kepler, das in Keplers ehemaligem Sterbehaus eingerichtet wurde.

An der orangenen Fassade hängt die Tafel: Wohn- und Sterbehaus des kaiserlichen Mathematikers und Astronomen Johannes Keppler, geboren am 27. Dezember 1571, gestorben am 15. November 1630. Auf dem Stein steht der Name mit zwei p – so wie man ihn damals oft schrieb. Heute schreibt man Kepler.

Johannes Kepler kam im November 1630 nach Regensburg. Eigentlich wollte er weiter nach Linz, doch er erkrankte während seines Aufenthalts und starb am 15. November 1630 im Haus des Regensburger Kaufmanns Hillebrand Bill. Das Gebäude ist erhalten geblieben und wurde später zum Museum.

Mein Eindruck: Der Eingang macht zunächst nicht viel Aufhebens darum, dass hier einmal einer der großen Denker der frühen Neuzeit gewohnt und gearbeitet hat. Umso spannender ist, was sich dahinter verbirgt.

Büste Johannes Keplers

Keplers Büste

Johannes Kepler – ziemlich präsent

Schon beim Rundgang begegnet einem Kepler natürlich auch als Abbild. Die Büste erinnert daran, dass hinter all den Karten, Büchern und Instrumenten ein konkreter Mensch steckt: Mathematiker, Astronom, Naturphilosoph – und ein Wissenschaftler, der sich mit Fragen beschäftigte, die damals noch weit von einer modernen Vorstellung des Universums entfernt waren.

Kepler wurde vor allem durch seine drei Gesetze der Planetenbewegung berühmt. Sie gehören zu den Grundlagen der modernen Astronomie.

Ich finde solche Porträts in Museen immer etwas schwierig: Man sieht einen Menschen, den man nur aus Büchern kennt, und bekommt plötzlich ein Gesicht dazu. Ob Kepler tatsächlich so aussah, wie ihn spätere Darstellungen zeigen, ist dabei natürlich eine andere Frage.

Was hatte Kepler auf seiner letzten Reise dabei?

Was hatte Kepler auf seiner letzten Reise dabei?

Ein Blick in Keplers Gepäck

Diese Vitrine fand ich besonders interessant, weil sie plötzlich sehr persönlich wird. Nicht die großen astronomischen Entdeckungen stehen hier im Mittelpunkt, sondern die ganz praktische Frage: Was hatte Johannes Kepler eigentlich dabei, als er nach Regensburg kam?

Nach seinem Tod wurde sein Besitz in Regensburg amtlich aufgenommen. Dabei fanden sich unter anderem Kleidung, Geld und Bücher. Kepler war also nicht einfach nur mit ein paar mathematischen Aufzeichnungen unterwegs.

Besonders spannend sind die erhaltenen Verzeichnisse seines Besitzes. Sie zeigen, dass Kepler schon bei seinem Wegzug nach Sagan 1628 einen Teil seines Besitzes in Regensburg bei Freunden zurückgelassen hatte. Dazu gehörten unter anderem Bücher und mathematische Instrumente.

Das gefällt mir an dieser Ausstellung: Plötzlich wird aus „Johannes Kepler, berühmter Astronom“ ein Mensch mit Gepäck, Büchern, Haushaltsgegenständen und Dingen, die er offenbar für wertvoll genug hielt, sie aufzuheben.

Hängende Welten

Das document Kepler als Ausstellungsraum

Zwischen Fachwerk, Holz und moderner Ausstellung

Das Museum lebt nicht nur von seinen Exponaten. Ein Teil des Reizes liegt im Haus selbst. Die Ausstellung ist in die historischen Räume des ehemaligen Bürgerhauses integriert. Moderne Vitrinen, Medienstationen und Modelle stehen dabei neben Balkendecken, Holz und Fachwerk. Die Neukonzeption verbindet die historische Bausubstanz mit einer modernen Ausstellungsgestaltung.

Als Fotograf habe ich natürlich sofort zwei Dinge im Blick: die Exponate – und die Räume, in denen sie stehen. Gerade diese Mischung aus altem Gebäude und moderner Präsentation macht das document Kepler für mich interessanter, als es ein gewöhnliches „Kepler-Museum“ in einem neutralen Ausstellungsraum wäre.

Himmelsglobus von Johann Ludwig Andreae, 1716

Der Himmelsglobus von Johann Ludwig Andreae

Der Sternenhimmel von 1716

Jetzt wird es für mich richtig interessant. Dieser Himmelsglobus von Johann Ludwig Andreae aus dem Jahr 1716 zeigt den Sternenhimmel auf einer künstlichen Himmelskugel. Andreae war nicht nur Pfarrer, sondern beschäftigte sich auch intensiv mit Astronomie und stellte in Nürnberg Globen her. Von ihm sind mehrere Globenpaare aus dieser Zeit erhalten.

Der besondere Reiz des ausgestellten Paares besteht darin, dass Erd- und Himmelsglobus zusammengehören. Sie konnten für astronomische und geografische Berechnungen verwendet werden.

Und natürlich muss ich hier wieder fotografieren. Bei solchen Objekten kann ich einfach nicht vorbeigehen. Ein dreihundert Jahre alter Globus, auf dem Menschen versucht haben, sich ihren Platz im Universum zu erklären, ist für mich fast unwiderstehlich.

Keplers Weltkarte

Keplers Weltkarte

Die Welt im Zeichen der Rudolphinischen Tafeln

Diese Karte gehört für mich zu den faszinierendsten Stücken des Rundgangs. Sie geht auf Philipp Eckebrecht und Johannes Kepler zurück und wurde als Ergänzung zu den Rudolphinischen Tafeln konzipiert. Keplers Tafeln basierten auf den Beobachtungen Tycho Brahes und ermöglichten wesentlich genauere astronomische Berechnungen. Die Weltkarte sollte diese neuen Berechnungen auch für geografische Ortsbestimmungen nutzbar machen.

Die ungewöhnliche Gestaltung mit dem Doppeladler macht sie schon optisch zu einem außergewöhnlichen Stück Kartografie. Die Karte wurde 1630 von Johann Philipp Walch gestochen; spätere Exemplare erschienen noch nach Keplers Tod.

Und genau hier zeigt sich wieder mein persönliches Problem mit historischen Karten: Ich möchte eigentlich gar nicht lange davor stehen. Ich möchte hineinzoomen, jede Küstenlinie ansehen und herausfinden, was die Menschen damals über die Welt wussten – und was sie noch nicht wussten.

Keplers Geschenk an Regensburg

Keplers Geschenk an Regensburg

Ein Wissenschaftler, der nicht nur gerechnet hat

Dieses Exponat zeigt eine weitere Seite Keplers: seine Bücher und Schriften. Aufgeschlagen liegt die Harmonice Mundi von 1619, davor das Schreiben, mit dem Kepler am 30. April 1620 ein Exemplar dem Regensburger Rat für die Stadtbibliothek überließ. Er sah das Werk als Beitrag zur Erkenntnis der Natur – und, in einer Zeit, die er eine übel klingende Dissonanz nannte, zur Vermehrung der Harmonie im Gemeinwesen.

Die berühmteren Rudolphinischen Tafeln von 1627 waren das Ergebnis jahrzehntelanger Arbeit von Tycho Brahe und Kepler. Sie bildeten wegen ihrer Genauigkeit lange eine wichtige Grundlage astronomischer Berechnungen. Das Geschenk an die Stadt ist aber dieses Buch: Harmonice Mundi, eigenhändig unterschrieben.

Für mich als Besucher ist dabei gerade das Buchobjekt spannend: Man steht plötzlich vor etwas, das nicht nur über Kepler berichtet, sondern unmittelbar aus der Welt stammt, in der er gearbeitet hat.

document Kepler

Noch einmal: das Haus

Geschichte steckt auch in den Wänden

Beim Rundgang ertappe ich mich immer wieder dabei, dass ich weniger auf die Ausstellung als auf die Umgebung schaue. Das document Kepler ist eben kein Neubau, in den man historische Gegenstände gestellt hat. Das Haus selbst reicht in seiner Baugeschichte bis ins Mittelalter zurück und wurde als ehemaliges Bürger- beziehungsweise Patrizierhaus immer wieder verändert.

Dadurch bekommt die Ausstellung eine zusätzliche Ebene: Man betrachtet historische Objekte in einem historischen Gebäude – und muss dabei gelegentlich aufpassen, dass man nicht vergisst, auch einmal die Ausstellung anzusehen.

Ein Raum voll Fragen

Moderne Ausstellung im historischen Haus

Kepler trifft Ausstellungsgestaltung des 21. Jahrhunderts

Die neue Ausstellung versucht nicht, das Haus in ein historisches Museum voller Vitrinen zu verwandeln. Stattdessen werden die historischen Räume mit modernen Elementen kombiniert. Dazu gehören unter anderem interaktive Stationen und ein Science Lab, in dem astronomische Zusammenhänge anschaulich vermittelt werden.

Das funktioniert für mich gerade deshalb gut, weil die Ausstellung nicht versucht, alles mit Informationen zuzuschütten. Man kann sich einzelne Objekte herausgreifen und ihnen nachgehen. Und genau das habe ich natürlich gemacht.

Das Universalgenie Kepler

Kepler im Mittelpunkt

Am Ende landet man doch wieder bei Kepler

Zum Schluss noch einmal Kepler selbst. Das Bild zeigt ziemlich gut, worum es im document Kepler eigentlich geht: um den Menschen hinter den großen wissenschaftlichen Leistungen. Bücher, Briefe, Instrumente, Modelle und Dokumente erzählen von seiner Arbeit – aber auch davon, wie ein Gelehrter vor rund 400 Jahren gelebt und gearbeitet hat.

Das Museum bezeichnet Kepler zu Recht als einen der Begründer der modernen Naturwissenschaft. Gleichzeitig ist das vielleicht gar nicht das Interessanteste an einem Besuch.

Mich haben jedenfalls nicht die großen „Kepler war genial“-Erklärungen am meisten gepackt, sondern die konkreten Dinge: eine alte Karte, ein Globus, ein Instrument, eine handschriftliche Notiz. Dinge, die plötzlich eine Verbindung zu einem Menschen herstellen, der seit fast vier Jahrhunderten tot ist. Und natürlich habe ich fast alles fotografiert.

Mein kleines Fazit

Das document Kepler ist für mich ein schönes Beispiel dafür, dass man ein Museum nicht unbedingt mit einem festen Plan besuchen muss. Man kann hineingehen, sich überraschen lassen und an irgendeinem Objekt hängen bleiben. Bei mir waren es die Karten und Globen.

Vielleicht auch, weil sie etwas sehr Grundsätzliches zeigen: Menschen haben sich schon immer gefragt, wo sie eigentlich sind – auf der Erde und im Universum. Kepler hat auf diese Frage einige ziemlich bemerkenswerte Antworten gefunden.

Und ich habe dabei immerhin ungefähr 200 Fotos gemacht.