Regensburg hat erstaunlich viele Geschichten, in denen der Teufel seine Finger im Spiel hat. Manchmal versteckt er sich in einer mittelalterlichen Skulptur, manchmal sitzt er in einer Nische am Dom und manchmal soll er sogar beim Bau der berühmtesten Brücke der Stadt geholfen haben. Drei dieser Geschichten habe ich mir etwas genauer angesehen.
Der Fürst der Welt
Ein freundlicher junger Mann?
An der Fassade des Hauses Heuport sitzt eine Figur, die auf den ersten Blick eher harmlos wirkt: ein junger Mann, der einer jungen Frau einen Apfel anbietet. Die Figurengruppe entstand um 1330/40 und gehört zur ehemaligen Hauskapelle des Heuporthauses. Der junge Mann wird als „Fürst der Welt“ bezeichnet, die Frau als eine der törichten Jungfrauen aus dem biblischen Gleichnis. Der Apfel steht dabei für die Verführung. Und genau das ist das Gemeine an der Sache: Der junge Mann sieht zunächst überhaupt nicht wie der Teufel aus.
Man muss schon um die Ecke schauen
Die Figur sitzt an einer Gebäudeecke. Das ist nicht bloß eine architektonische Notlösung. Die törichte Jungfrau kann die andere Seite des jungen Mannes nicht sehen. Sie sieht den freundlichen Verführer – aber nicht seine wahre Natur. Und deshalb habe ich die Figur auch nicht nur von vorne fotografiert. Denn bei mittelalterlichen Skulpturen lohnt es sich manchmal ganz besonders, einmal um die Ecke zu gehen.
Die freundliche Fassade ist nur die halbe Geschichte
Auf der Rückseite wird aus dem höfischen jungen Mann plötzlich eine ziemlich unappetitliche Erscheinung: Ratte und Kröte sitzen in seinem Rücken, eine Schlange windet sich in die Figur hinein. Die Tiere sind dämonische Symbole und machen deutlich, dass der scheinbar freundliche Jüngling tatsächlich als Verführer zur Sünde gemeint ist. Für mich ist das eine der schönsten kleinen Geschichten in Regensburg, weil die Darstellung geradezu eine mittelalterliche Version von „Schau lieber zweimal hin“ ist. Vorne: Verführung. Hinten: Teufel. Und beides steckt in derselben Figur.
Der Teufel und seine Großmutter
Der Teufel sitzt im Dom
Beim Regensburger Dom muss man ebenfalls ziemlich genau hinsehen. In zwei kleinen, höhlenartigen Nischen an der inneren Westwand, unmittelbar neben dem Hauptportal, sitzen zwei dämonische Wesen. Kunsthistorisch werden sie als dämonische Tiere mit menschlichen Köpfen bezeichnet; im Volksmund heißen sie seit langer Zeit „der Teufel und seine Großmutter“. Die Figuren stammen aus dem späten 14. Jahrhundert. Der Teufel selbst ist das drachenartige Wesen mit Flügeln, Klauen, Hörnern und einer ziemlich grimmigen Fratze. Ihnen wurde sogar eine unheilabwehrende Wirkung zugeschrieben.
Und natürlich kommt der Teufel nicht allein
Gleich daneben sitzt seine Großmutter. Warum ausgerechnet dieses Wesen zur Großmutter des Teufels wurde, lässt sich nicht wirklich historisch erklären. Der Name ist eine volkstümliche Bezeichnung. Das Gesicht, das faltenreiche Kopftuch, die hockende Haltung, Klauen und Schwanz haben aber offenbar dazu beigetragen, dass die Figur ihren ziemlich eindeutigen Familienanschluss bekam. Ich finde die beiden gerade deshalb interessant, weil man sie beim normalen Dombesuch leicht übersieht. Man geht durch das Portal – und der Teufel sitzt praktisch daneben und schaut einem dabei zu.
Der Wettstreit der Baumeister
Auf der Steinernen Brücke sitzt das berühmte Bruckmandl. Es schaut in Richtung Dom und hält eine Hand über die Augen. Was es dort eigentlich macht, ist bis heute nicht eindeutig geklärt. Eine Deutung sieht darin einen Wegweiser nach Süden; die Haltung könnte aber auch einfach erklären, warum die Figur ihre Hand vor die Augen hält: Sie schaut in die Sonne. Die populärere Erklärung ist natürlich viel spannender: Das Bruckmandl soll der Brückenbaumeister sein, der hinüber zum Dom schaut, um zu sehen, wie weit die Konkurrenz dort inzwischen gekommen ist.
Ein Wettstreit, der historisch gar nicht stattgefunden haben kann
Der Legende nach lieferten sich der Brückenbaumeister und der Dombaumeister einen Wettstreit: Wer wird zuerst fertig? Der Brückenbaumeister soll dabei einen Pakt mit dem Teufel geschlossen haben, weil er mit dem Bau in Verzug geriet. Das Problem an der Geschichte ist nur: Sie kann so nicht passiert sein. Die Steinerne Brücke entstand im 12. Jahrhundert. Mit dem Bau des heutigen gotischen Doms wurde erst mehr als hundert Jahre später begonnen. Die beiden Baumeister konnten also schwerlich gleichzeitig auf ihren Baustellen gestanden und sich gegenseitig über die Schulter geschaut haben. Aber genau daraus entstand eine der schönsten Regensburger Bausagen.
Drei Seelen für den Teufel
Der Pakt hatte allerdings einen Preis. Der Teufel verlangte die Seelen der ersten drei Lebewesen, die nach Fertigstellung die Brücke überqueren würden. Der Brückenbaumeister war offenbar nicht nur ein guter Baumeister, sondern auch ein ziemlich findiger Mensch: Er schickte einen Hund, einen Hahn und ein Huhn über die fertige Brücke. Damit hatte der Teufel zwar seine drei Seelen bekommen – aber eben nicht die erhofften menschlichen. Auf der Steinernen Brücke erinnert eine steinerne Relieftafel an das Federvieh. Ob sie tatsächlich die drei Tiere der Sage darstellt, ist allerdings nicht sicher. Für meine Fotos reicht mir das völlig: Ein Relief mit Hühnern auf einer Brücke, dazu eine Geschichte mit dem Teufel – mehr Regensburg geht eigentlich kaum.
Und dann kommt noch der Donau-Strudel
Auch der berühmte Strudel unter der Steinernen Brücke gehört zur Geschichte. Der Sage nach war der Teufel überlistet worden und stürzte wütend mit seinen drei Seelen in die Donau. Aus seinem Sprung entstand der gefährliche Strudel. Die tatsächliche Erklärung ist allerdings wesentlich weniger dämonisch: Die Pfeiler und Bögen der Brücke beeinflussen die Strömung und erzeugen stromabwärts starke Verwirbelungen. Der Teufel muss also auch hier nicht bemüht werden. Aber mit ihm ist die Geschichte deutlich besser.
Und einer hat am Ende verloren
Zum Abschluss der Geschichte gehört noch der springende Dombaumeister. Der Sage nach verlor der Dombaumeister den Wettstreit. In seiner Verzweiflung stürzte er sich vom Dom. Damit ist die Geschichte komplett: Der Brückenbaumeister hat den Teufel auf seiner Seite, gewinnt den Wettstreit – und der Dombaumeister nimmt sich das Leben. Historisch ist auch das natürlich eine Legende. Die Regensburger Überlieferung hat daraus aber einen regelrechten kleinen Kosmos aus Brücke, Dom, Bruckmandl, Teufel, Tieren und Baumeistern geschaffen.
Drei Geschichten, ein Regensburg
Was mir an diesen Geschichten besonders gefällt: Sie sitzen mitten in der Stadt. Man muss kein Museum besuchen und keine besondere Ausstellung suchen. Man muss nur genauer hinsehen. Ein junger Mann an einer Hausfassade, der von hinten plötzlich zum Teufel wird. Zwei groteske Wesen, die seit Jahrhunderten neben dem Portal des Doms hocken. Ein kleines Männchen auf der Steinernen Brücke, das angeblich auf den Dom schaut. Und plötzlich sieht man Regensburg ein bisschen anders. Vielleicht ist das überhaupt das Interessanteste an alten Städten: Die eigentlichen Geschichten stehen oft schon da. Man muss sie nur entdecken.
